Get the FLASH PLAYER to view this magazine:
- or -
View as HTML version
Text: Rosa Maria Erlacher
Fotos: Helmuth Rier
»
Wie Urban
zu seinem
Alphorn kam
majestätische töne fließen wie Wellen über die sanften hügel
der seiser alm, verfangen sich in den umliegenden Felswänden
und legen sich wie ein Klangteppich auf Wiesen und Wälder.
Ja, es sind tatsächlich Alphornbläser, die diese
wundervoll weichen und warmen und doch
so voluminösen Klänge ihren archaisch anmutenden
Instrumenten entlocken. Vier Männer
pusten kräftig in zweimannlange Holzrohre, deren
gebogenes Ende fest auf dem Boden aufliegt. Es
sind aber keine importierten Schweizer Alphornbläser,
wie man vielleicht annehmen könnte, weil
das Alphorn ja bekanntlich zu den Schweizer Nationalsymbolen
zählt. Nein, die Klangkünstler sind
waschechte Südtiroler, genauer gesagt, es sind Kastelruther
Gemeindebürger, was schon am hochgesteckten
blauen Schurz erkennbar ist, einem typischen
Kleidungsstück einheimischer Bauern. Nur
die mächtigen konisch geformten und unten abgebogenen
Holzrohre stammen aus der Schweiz,
so wie das erste Alphorn, das Urban vor nunmehr
dreißig Jahren bei einem eidgenössischen Hornbauer
in Auftrag gegeben hatte.
„Alphornbläser Seiser Alm“. Urban ist sozusagen
das Urgestein der Gruppe „Alphornbläser Seiser
Alm“. Er hat diese Gruppe gegründet, hat mit
ihr Konzertauftritte in aller Herren Länder absolviert,
und obwohl er die siebzig Lebensjahre schon
längst überschritten hat, ist seine Liebe zum Alphorn
nach wie vor ungebrochen. „Es war im Jahr
1980, als ein Schweizer Urlaubsgast sein Alphorn
mit nach Kastelruth brachte und am Kofel eine
Kostprobe seines Könnens zum Besten gab“, erinnert
er sich. Das Instrument beeindruckte Urban,
er war sofort Feuer und Flamme. Und er wollte
partout ebenfalls ein Alphorn haben und natürlich
versuchen, es zu spielen. So groß war sein
Enthusias mus, dass er musikbegeisterte Freunde
überzeugen konnte, mit ihm dieses Experiment zu
wagen. „Die Spieltechnik, die dieses Instrument
erfordert, war uns als Hornbläsern in der Musik-
kapelle ja nicht gänzlich fremd“, erklärt er. Sofort
beauftragte das Quartett einen Schweizer Hornbauer,
vier Alphörner anzufertigen.
„Die Begeisterung, mit der wir an die Sache drangingen,
hat mit dazu beigetragen, dass wir in relativ
kurzer Zeit über ein recht umfangreiches Repertoire
verfügten“, erzählt Urban weiter. Alle
Achtung, denn das Alphorn soll angeblich, gerade
wegen seiner umwerfenden Einfachheit, zu den forderndsten
Instrumenten überhaupt zählen! Denn
das lange Holzrohr verfügt weder über Grifflöcher
noch Klappen oder Ventile, einzig die ausgefeilte
Atemtechnik vermag es, Töne zu erzeugen. So entstehen
auf natürliche Weise Töne, sechzehn Naturtöne,
die allerdings eine sehr große Bandbreite
aufweisen.
Sechzehn Naturtöne. „Die Atmungsluft wird mittels
Zwerchfelldruck aus der Lunge ins Instrument
geblasen“, erklärt Urban. Durch Vibration der Lippen
wird die vorbeiströmende Luft in Schwingung
versetzt. Die im Inneren des Alphorns liegende
Luft wird dadurch erregt und beginnt zu schwingen.
„Lasse ich die Lippen langsam vibrieren, erzeuge
ich lange Wellen, es entsteht ein tiefer
Ton“, sagt Urban. Schwingen hingegen die Lippen
schnell, werden hohe Töne erzeugt. Die konische
Trichterform des Alphorns dient in jedem Fall als
akustischer Verstärker.
Nach ersten Erfolgen im Schlerngebiet reiste die
Gruppe zum Alphornbläsertreffen in die Schweiz,
wo sie wichtige Kontakte und Freundschaften
knüpfte. Bereits 1985 trafen sich Bläser aus ganz
Europa auf der Seiser Alm, um in der herrlichen
Landschaft zu musizieren und sich freundschaftlich
zu messen. Seitdem zählt das im Abstand von
»
Klangkünstler:
Das Alphorn verlangt
dem Musikanten viel ab.
24 ALPE | sommer sommer | ALPE 25