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haus an. „Feldmann, du weißt
schon, der Einbrecher, ist aus dem
Koma erwacht und hat ausgepackt.
– Außerdem hat sich ein Zeuge gemeldet,
der an dem Abend was gesehen
hat.“
Terranostra war unmittelbar nach
seiner Rückkehr aus Bozen ins
Kommissariat gekommen. Lukas
Tanner stand an seinem Schreibtisch
und legte den Telefonhörer
auf, als der Maresciallo hereinkam.
„Kaffee?“ Terranostra verzog das
Gesicht. „Bitte nicht.“ „Ich wollte
dir ja auch keinen Gefallen tun.“
„Was hat Gaiser gesagt?“ „Er hat
zugegeben, dass er das Bild genommen
hat; aber den Mord hat er
bestritten.“ „Und Palm?“ „Nichts.
Kein Wort. Nicht ohne meinen Anwalt.
Das haben sie inzwischen alle
drauf.“ „Dafür hat der Einbrecher
geplaudert“, sagte Tanner und
nahm Reisingers Mitschrift aus
dem Krankenhaus von dem Aktenstapel.
„Er hat überlebt?“ „Er lebt
und kann reden. Palm hat ihm für
die Beschaffung des Bildes 10.000
Euro versprochen. Deshalb ist
Feldmann bei Gaiser eingestiegen.“
Reisinger kam herein. „Hier
ist die Aussage des Mannes, der am
Tatabend gegen 19 Uhr mit seinem
Hund an der Galerie vorbeigekommen
ist. Er hat gesehen, dass eine
Frau aus dem Haus gerannt, in ihren
Wagen gestiegen und eilig
weggefahren ist.“ „Eine Frau?“
„Ja, da ist er sich ganz sicher.“
„Gut“, sagte Tanner, „verabschieden
wir uns mal für einen Moment
von Palm.“ Er sah Terranostra an.
„Fällt dir eine Frau ein, die ein Motiv
gehabt haben könnte, Nicole
Angerer umzubringen?“ Terranostra
musste nicht lange überlegen.
„Nur eine.“ „Genau.“ Tanner gab
Reisinger das Protokoll von Gaisers
Aussage, dann folgte er Terranostra,
der schon vorausgegangen
war. Reisinger sah ihnen hinterher.
„Würdet ihr mich bei Gelegenheit
mal in euren Wissensstand einweihen?“
Tanner und Terranostra hielten vor
dem Haus in der Katzensteinstraße.
Gernot Angerer öffnete ihnen
die Tür. „Kommen Sie herein. Ich
hab' Sie erwartet.“ Tanner und Terranostra
betraten das Haus. Tanner
schaute sich um. „Wir sind nicht
Ihretwegen hier.“ „Ich weiß. Sie
wollen zu meiner Schwester. Sie
ist nicht da. Sie holt die Kinder
ab.“ „Das ist keine gute Idee“, sagte
Tanner. Angerer bat sie ins
Wohnzimmer. „Wollen Sie Platz
nehmen?“ Weder Tanner noch Terranostra
reagierten auf seine Frage.
„Seit wann wissen sie es?“ fragte
Tanner. Angerer ging zu dem
Wandschrank, goss sich einen
Whisky ein und trank ihn in einem
Zug. „Seit einer Stunde. Sie hat gesagt,
sie holt die Kinder ab und
würde danach zur Polizei gehen.“
Terranostras Handy läutete. Er sah
Tanner an, zuckte entschuldigend
mit den Schultern und ging hinaus.
„Ihre Schwester hat Nicole Angerer
gehasst.“ Angerer wollte sich
ein zweites Glas eingießen, stellte
die Flasche aber wieder ab. „Ich
hab' das nicht geahnt“, sagte er in
einem wehleidigen Ton, der Tanner
Übelkeit bereitete. „Ich wollte es
auch nicht wissen. Aber im Nachhinein...
Ja, es muss wohl so gewesen
sein. Als Nicole mit Gaiser,
ich meine, als meine Frau mich
verlassen hat, habe ich nur meine
eigene Verletzung gespürt. Dass
Brigitte auch gelitten hat, ist bei
mir gar nicht angekommen.“ Jetzt
goss er sich doch nach. „Wenn es
um Gefühle geht, sind wir alle
Egoisten.“ „Darf ich Sie mal unterbrechen,
Herr Angerer. Ich mag
diese Rechtfertigungen nicht. Erst
recht nicht aus zweiter Hand.“
„Brigitte wird sich nicht rechtfertigen“,
sagte Angerer. „Dazu ist
sie zu stolz. Sie hat Gaiser das
Geld gegeben, mit dem er sich in
die Galerie eingekauft hat. Dann
hat ihr Nicole den Mann weggenommen,
mit dem sie viele Jahre
zusammen war. Und jetzt wollte
sie auch noch die Kinder, die ihr
ans Herz gewachsen waren. Für
sie hat sie ihre Arbeit in der Apotheke
aufgegeben.“ Tanner wurde
ungeduldig. „Was wissen Sie?“
„Meine Schwester ist zu ihr in die
Galerie gefahren. Sie haben gestritten,
und dabei hat sich wohl in
wenigen Minuten entladen, was
sich in Monaten aufgestaut hatte.
Eine Affekthandlung...“ „Die Bewertung
überlassen wir dem Gericht“,
sagte Tanner.
Sie hörten den Wagen, der vor der
Einfahrt hielt. „Meine Kinder“,
sagte Angerer und ging hinaus.
Tanner folgte ihm. Die beiden Buben
stiegen aus und liefen auf ihren
Vater zu. „Gehen Sie bitte mit
ihnen ins Haus“, sagte Tanner. Etwas
abseits stand Terranostra und
telefonierte immer noch. Während
er sprach, gab er Tanner mehrfach
Zeichen. Aber Tanner verstand
nicht, was er meinte.
Brigitte Angerer war hinter dem
Steuer sitzen geblieben und starrte
teilnahmslos vor sich hin. Sie trug
eine dunkle Lederjacke und um
den Hals einen dicken Winterschal.
Tanner ging auf den Wagen zu und
öffnete die Tür. Er war sich sicher,
dass er nur noch einen Schritt von
der Wahrheit entfernt war.
„Steigen Sie bitte aus.“ Brigitte
Angerer schien ihn nicht zu hören.
Er fasste ihren Arm. „Lassen Sie
das“, fauchte sie ihn an. Tanner
ließ ihr Zeit. „Sie wissen, warum
wir hier sind“, sagte er, als sie ausgestiegen
war. „Ja“, antwortete sie
leise, ohne ihn anzusehen. „Sie haben
Ihre Schwägerin umgebracht.
Mit einem Schal erwürgt.“ Brigitte
Angerer fuhr plötzlich herum.
„Das ist nicht wahr. Ich habe sie
nicht erwürgt. Es war ein Unfall.
Wir haben gestritten. Ich habe ihr
eine Ohrfeige gegeben, weil sie
mich verspottet hat. Sie ist mit dem
Kopf auf die Schreibtischkante geschlagen
und zu Boden gestürzt.“
Brigitte Angerer schloss die Augen,
als hätte sie das Bild vor sich;
schwieg einen Moment, bevor sie
schleppend weitersprach. „Sie hat
da gelegen und nicht mehr geatmet.
Überall war Blut... Ich bin
weggerannt.“ „Wann war das?“
Brigitte Angerer überlegte. „Gegen
7.“ Sie schaute zu den Fenstern.
“Und jetzt kommen Sie von dem
Haus weg. Würden Sie bitte Ihren
Schal abnehmen.“ Brigitte Angerer
sah ihn an. „Was soll das?“
Terranostra kam auf sie zu und
zog Tanner zur Seite. „Wir sind
auf der falschen Hochzeit. Palm
hat sich in seiner Zelle erhängt.“
Tanner holte tief Luft. „Das ist
mehr als ein Geständnis.“ „Ja.
Und die
Kratzspuren an seinen Unterarmen
hat er sich auch nicht selbst
beigebracht.“
Franz Reisinger hatte seinen großen
Auftritt, als Tanner und Terranostra
zurückkamen. „Ich kann
euch sagen, wie es war.“ Tanner
bückte sich und hob einen Kugelschreiber
auf, der vom Schreibtisch
gerollt war. Terranostra setzte
seine Mütze ab. Reisinger räusperte
sich einmal kurz. „Gehen
wir weiterhin davon aus, dass die
Tatzeit zwischen 19 und 21 Uhr
war?“ Tanner nickte. „Die Frau,
die der Zeuge gesehen hat, war
Brigitte Angerer?“ „Esatto“, sagte
der Maresciallo. „Aber sie hat Nicole
Angerer nicht umgebracht.“
„Nein.“ Reisinger fuhr fort. „Sagen
wir, eine halbe Stunde, nachdem
Brigitte Angerer fort war,
tauchte Palm in der Galerie auf.
Vielleicht wollte er nur nachschauen,
warum Nicole Angerer
nicht zu der Verabredung erschienen
war. Vielleicht war er aber
überhaupt nur nach Meran gekommen,
um sich in den Besitz
des Bildes zu bringen. Nach allem,
was danach geschehen ist,
glaube ich eher Letzteres. – Jedenfalls
gab es Streit um das Bild.
Der joviale Herr Professor zeigte
plötzlich sein wahres Gesicht. Er
stürzte sich auf Nicole Angerer
und erwürgte sie mit ihrem eigenen
Schal...“ Terranostra wollte
ihn unterbrechen. Aber Tanner
hielt ihn mit einer Handbewegung
davon ab. „Danach hat er sie
scheinheilig angerufen und auf ihren
Anrufbeantworter gesprochen.“
Er machte eine kleine Pause.
„Palm wusste, dass Nicole Angerer
das Bild aus dem Banksafe
geholt hatte. Aber der Koffer war
leer, weil sich Gaiser, wie wir wissen,
schon vor ihm bedient hatte.“
„Und woher weißt du, dass Palm
der Mörder ist?“ Er nahm ein Papier
auf. „Ich hab' hier die Analyse
aus Padua. Ist vorhin gekommen.
Die DNA von den Hautfetzen
unter den Fingernägeln von
Nicole Angerer ist identisch mit
der auf dem Taschentuch.“ „Was
für ein Taschentuch?“ Franz Reisinger
genoss die Verblüffung der
beiden. „Als Palm hier aufgekreuzt
ist und Nicole Angerer als
vermisst gemeldet hat, hat er einige
Papiertaschentücher voll geschnäuzt.
Eins davon hab' ich einer
weiteren Verwendung zugeführt
und nach Padua geschickt.“
„Palm ist tot“, sagte Tanner. „Er
hat sich umgebracht.“ Reisinger
schien das nicht zu erschüttern.
„Tja. - So kommt eins zum anderen.
Und am Ende fügen sich alle
Puzzle-Teile zusammen.“
Terranostras Blick war voller Respekt.
Und Tanner versetzte dem
'Alten' einen freundschaftlichen
Stoß gegen die Brust. „Ich werde
nicht zulassen, dass du irgendwann
in Pension gehst.“ Reisinger
wich zurück. „Danke für die Ehre;
aber ein guter Blauburgunder wär'
mir jetzt lieber.“
Ende.