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Meraner Stadtanzeiger N°15

haus an. „Feldmann, du weißt schon, der Einbrecher, ist aus dem Koma erwacht und hat ausgepackt. – Außerdem hat sich ein Zeuge gemeldet, der an dem Abend was gesehen hat.“ Terranostra war unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Bozen ins Kommissariat gekommen. Lukas Tanner stand an seinem Schreibtisch und legte den Telefonhörer auf, als der Maresciallo hereinkam. „Kaffee?“ Terranostra verzog das Gesicht. „Bitte nicht.“ „Ich wollte dir ja auch keinen Gefallen tun.“ „Was hat Gaiser gesagt?“ „Er hat zugegeben, dass er das Bild genommen hat; aber den Mord hat er bestritten.“ „Und Palm?“ „Nichts. Kein Wort. Nicht ohne meinen Anwalt. Das haben sie inzwischen alle drauf.“ „Dafür hat der Einbrecher geplaudert“, sagte Tanner und nahm Reisingers Mitschrift aus dem Krankenhaus von dem Aktenstapel. „Er hat überlebt?“ „Er lebt und kann reden. Palm hat ihm für die Beschaffung des Bildes 10.000 Euro versprochen. Deshalb ist Feldmann bei Gaiser eingestiegen.“ Reisinger kam herein. „Hier ist die Aussage des Mannes, der am Tatabend gegen 19 Uhr mit seinem Hund an der Galerie vorbeigekommen ist. Er hat gesehen, dass eine Frau aus dem Haus gerannt, in ihren Wagen gestiegen und eilig weggefahren ist.“ „Eine Frau?“ „Ja, da ist er sich ganz sicher.“ „Gut“, sagte Tanner, „verabschieden wir uns mal für einen Moment von Palm.“ Er sah Terranostra an. „Fällt dir eine Frau ein, die ein Motiv gehabt haben könnte, Nicole Angerer umzubringen?“ Terranostra musste nicht lange überlegen. „Nur eine.“ „Genau.“ Tanner gab Reisinger das Protokoll von Gaisers Aussage, dann folgte er Terranostra, der schon vorausgegangen war. Reisinger sah ihnen hinterher. „Würdet ihr mich bei Gelegenheit mal in euren Wissensstand einweihen?“ Tanner und Terranostra hielten vor dem Haus in der Katzensteinstraße. Gernot Angerer öffnete ihnen die Tür. „Kommen Sie herein. Ich hab' Sie erwartet.“ Tanner und Terranostra betraten das Haus. Tanner schaute sich um. „Wir sind nicht Ihretwegen hier.“ „Ich weiß. Sie wollen zu meiner Schwester. Sie ist nicht da. Sie holt die Kinder ab.“ „Das ist keine gute Idee“, sagte Tanner. Angerer bat sie ins Wohnzimmer. „Wollen Sie Platz nehmen?“ Weder Tanner noch Terranostra reagierten auf seine Frage. „Seit wann wissen sie es?“ fragte Tanner. Angerer ging zu dem Wandschrank, goss sich einen Whisky ein und trank ihn in einem Zug. „Seit einer Stunde. Sie hat gesagt, sie holt die Kinder ab und würde danach zur Polizei gehen.“ Terranostras Handy läutete. Er sah Tanner an, zuckte entschuldigend mit den Schultern und ging hinaus. „Ihre Schwester hat Nicole Angerer gehasst.“ Angerer wollte sich ein zweites Glas eingießen, stellte die Flasche aber wieder ab. „Ich hab' das nicht geahnt“, sagte er in einem wehleidigen Ton, der Tanner Übelkeit bereitete. „Ich wollte es auch nicht wissen. Aber im Nachhinein... Ja, es muss wohl so gewesen sein. Als Nicole mit Gaiser, ich meine, als meine Frau mich verlassen hat, habe ich nur meine eigene Verletzung gespürt. Dass Brigitte auch gelitten hat, ist bei mir gar nicht angekommen.“ Jetzt goss er sich doch nach. „Wenn es um Gefühle geht, sind wir alle Egoisten.“ „Darf ich Sie mal unterbrechen, Herr Angerer. Ich mag diese Rechtfertigungen nicht. Erst recht nicht aus zweiter Hand.“ „Brigitte wird sich nicht rechtfertigen“, sagte Angerer. „Dazu ist sie zu stolz. Sie hat Gaiser das Geld gegeben, mit dem er sich in die Galerie eingekauft hat. Dann hat ihr Nicole den Mann weggenommen, mit dem sie viele Jahre zusammen war. Und jetzt wollte sie auch noch die Kinder, die ihr ans Herz gewachsen waren. Für sie hat sie ihre Arbeit in der Apotheke aufgegeben.“ Tanner wurde ungeduldig. „Was wissen Sie?“ „Meine Schwester ist zu ihr in die Galerie gefahren. Sie haben gestritten, und dabei hat sich wohl in wenigen Minuten entladen, was sich in Monaten aufgestaut hatte. Eine Affekthandlung...“ „Die Bewertung überlassen wir dem Gericht“, sagte Tanner. Sie hörten den Wagen, der vor der Einfahrt hielt. „Meine Kinder“, sagte Angerer und ging hinaus. Tanner folgte ihm. Die beiden Buben stiegen aus und liefen auf ihren Vater zu. „Gehen Sie bitte mit ihnen ins Haus“, sagte Tanner. Etwas abseits stand Terranostra und telefonierte immer noch. Während er sprach, gab er Tanner mehrfach Zeichen. Aber Tanner verstand nicht, was er meinte. Brigitte Angerer war hinter dem Steuer sitzen geblieben und starrte teilnahmslos vor sich hin. Sie trug eine dunkle Lederjacke und um den Hals einen dicken Winterschal. Tanner ging auf den Wagen zu und öffnete die Tür. Er war sich sicher, dass er nur noch einen Schritt von der Wahrheit entfernt war. „Steigen Sie bitte aus.“ Brigitte Angerer schien ihn nicht zu hören. Er fasste ihren Arm. „Lassen Sie das“, fauchte sie ihn an. Tanner ließ ihr Zeit. „Sie wissen, warum wir hier sind“, sagte er, als sie ausgestiegen war. „Ja“, antwortete sie leise, ohne ihn anzusehen. „Sie haben Ihre Schwägerin umgebracht. Mit einem Schal erwürgt.“ Brigitte Angerer fuhr plötzlich herum. „Das ist nicht wahr. Ich habe sie nicht erwürgt. Es war ein Unfall. Wir haben gestritten. Ich habe ihr eine Ohrfeige gegeben, weil sie mich verspottet hat. Sie ist mit dem Kopf auf die Schreibtischkante geschlagen und zu Boden gestürzt.“ Brigitte Angerer schloss die Augen, als hätte sie das Bild vor sich; schwieg einen Moment, bevor sie schleppend weitersprach. „Sie hat da gelegen und nicht mehr geatmet. Überall war Blut... Ich bin weggerannt.“ „Wann war das?“ Brigitte Angerer überlegte. „Gegen 7.“ Sie schaute zu den Fenstern. “Und jetzt kommen Sie von dem Haus weg. Würden Sie bitte Ihren Schal abnehmen.“ Brigitte Angerer sah ihn an. „Was soll das?“ Terranostra kam auf sie zu und zog Tanner zur Seite. „Wir sind auf der falschen Hochzeit. Palm hat sich in seiner Zelle erhängt.“ Tanner holte tief Luft. „Das ist mehr als ein Geständnis.“ „Ja. Und die Kratzspuren an seinen Unterarmen hat er sich auch nicht selbst beigebracht.“ Franz Reisinger hatte seinen großen Auftritt, als Tanner und Terranostra zurückkamen. „Ich kann euch sagen, wie es war.“ Tanner bückte sich und hob einen Kugelschreiber auf, der vom Schreibtisch gerollt war. Terranostra setzte seine Mütze ab. Reisinger räusperte sich einmal kurz. „Gehen wir weiterhin davon aus, dass die Tatzeit zwischen 19 und 21 Uhr war?“ Tanner nickte. „Die Frau, die der Zeuge gesehen hat, war Brigitte Angerer?“ „Esatto“, sagte der Maresciallo. „Aber sie hat Nicole Angerer nicht umgebracht.“ „Nein.“ Reisinger fuhr fort. „Sagen wir, eine halbe Stunde, nachdem Brigitte Angerer fort war, tauchte Palm in der Galerie auf. Vielleicht wollte er nur nachschauen, warum Nicole Angerer nicht zu der Verabredung erschienen war. Vielleicht war er aber überhaupt nur nach Meran gekommen, um sich in den Besitz des Bildes zu bringen. Nach allem, was danach geschehen ist, glaube ich eher Letzteres. – Jedenfalls gab es Streit um das Bild. Der joviale Herr Professor zeigte plötzlich sein wahres Gesicht. Er stürzte sich auf Nicole Angerer und erwürgte sie mit ihrem eigenen Schal...“ Terranostra wollte ihn unterbrechen. Aber Tanner hielt ihn mit einer Handbewegung davon ab. „Danach hat er sie scheinheilig angerufen und auf ihren Anrufbeantworter gesprochen.“ Er machte eine kleine Pause. „Palm wusste, dass Nicole Angerer das Bild aus dem Banksafe geholt hatte. Aber der Koffer war leer, weil sich Gaiser, wie wir wissen, schon vor ihm bedient hatte.“ „Und woher weißt du, dass Palm der Mörder ist?“ Er nahm ein Papier auf. „Ich hab' hier die Analyse aus Padua. Ist vorhin gekommen. Die DNA von den Hautfetzen unter den Fingernägeln von Nicole Angerer ist identisch mit der auf dem Taschentuch.“ „Was für ein Taschentuch?“ Franz Reisinger genoss die Verblüffung der beiden. „Als Palm hier aufgekreuzt ist und Nicole Angerer als vermisst gemeldet hat, hat er einige Papiertaschentücher voll geschnäuzt. Eins davon hab' ich einer weiteren Verwendung zugeführt und nach Padua geschickt.“ „Palm ist tot“, sagte Tanner. „Er hat sich umgebracht.“ Reisinger schien das nicht zu erschüttern. „Tja. - So kommt eins zum anderen. Und am Ende fügen sich alle Puzzle-Teile zusammen.“ Terranostras Blick war voller Respekt. Und Tanner versetzte dem 'Alten' einen freundschaftlichen Stoß gegen die Brust. „Ich werde nicht zulassen, dass du irgendwann in Pension gehst.“ Reisinger wich zurück. „Danke für die Ehre; aber ein guter Blauburgunder wär' mir jetzt lieber.“ Ende.

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